Huanchaco II

Ich bleibe ein paar Tage in Huanchaco um zu surfen. Nicht viel mehr. Ich habe nicht viel von dem Städtchen gesehen, dass ich von unserem letzten Besuch noch recht gut kenne. Stattdessen habe ich das Meer kennen gelernt. Zumindest den Teil der Bucht der hinter der Mole liegt. Ich kenne die Steine im flachen Wasser am Ufer, weil ich mich an jedem mindestens einmal gestoßen habe. Ich weiß um die Gezeiten. Ich kenne die verschiedenen Formen der Wellen, die kleinen, die miesen Doppelwellen, die von weitem groß aussehen, wenn sie mich erreichen aber wirkungslos unter dem Brett durchschwappen und ich weiß, dass danach meistens eine kommt die gut ist, eine dunkelgrüne Wand mit feinen Fältchen, die sich gleichzeitig verheißungsvoll und bedrohlich aufbaut. Die erst vorsichtig über den Rand züngelnde, tastende Schaumkrone, ist das letzte was ich sehe bevor ich den Blick gen Ufer richte und beginne zu paddeln. Und dann geht’s los. Mit etwas Glück schaffe ich es aufzustehen, manchmal auch nicht, in jedem Fall trägt sie mich bis ans Ufer, zwischen die Kinder, die auf ihren kurzen Body- oder Shortboards wie kleine Fische durch die Brandung springen.

Zentrum des Ortes ist nicht etwa die Kirche oder der Markt, sondern eine Apotheke. Gelb leuchtet der Schriftzug Incafarma an der Stelle am Malecon, wo eine Treppe zum Meer hinab führt. Hier sind die Surfschulen. Hier sitzen die Jungs des Ortes, blicken mal zum Meer um die Wellen, mal zur Straße um die vorbei flanierenden Touristinnen zu prüfen. Und hier ist der Bezugspunkt. Eine gedachte Linie führt etwa 50 m weit hinaus auf das Wasser, dort sind die besten Wellen und dort trifft sich die Gemeinschaft der Surfer. Geduldige Reiter vor der Sonne, inmitten der salzig feuchten, wogenden Wüste. Eine stille Gemeinde, liegend, sitzend, wartend und ab und zu fliegt einer von ihnen davon. Entschwindet mit dem ekstatischem Strudel gen Ufer und wird bei seiner Rückkehr mit anerkennenden Blicken wieder aufgenommen.

So vergehen die Tage. Aufstehen, frühstücken, surfen. Eine kurze Pause zum Mittag und dann wieder raus, bis zum Abend, bis die rote Sonne hinter den Silhouetten der auf dem Meer sitzenden verschwindet. Mit Gulven und Marie, zwei Franzosen aus meinem Dorm, lerne ich zwei interessante Menschen kennen, mit denen die Gespräche beim Abendbrot nicht nur um die Hostels und Fahrstile des Landes kreisen – Gulven ist ein passionierter Esser und Filmliebhaber, der mit selten strahlenden Augen von liebevollen Details in japanischen Animes oder der Mozzarella seines Lebens erzählt, Marie repariert alte Plattenspieler.

Sonntag Abend quillt noch die Salsamusik aus den Restaurants auf den Malecon. Aber die großen Gefühle schnallen ins Leere. Am Straßenrand sitzt der Fleischspießverkäufer (danke deutsche Sprache) allein unter einer einzelnen Glühbirne, eine Zeitung über dem erkalteten Grill ausgebreitet. Die letzten Gäste des Tages sitzen beim Bier unter den dunkel gewordenen Palmen im kleinen Park. Am frühen Montagmorgen stehe ich dann wieder am Busbahnhof. Im Dämmerlicht des blechernen Warteraumes harren die Gäste mit gesenktem Kopf andächtig aus. Nur ein alter Röhrenfernseher und die ewig schwatzenden Taxifahrer sind schon wach. Sie scherzen über einen ankommenden Kollegen, dessen Zunge um iese Zeit noch etwas unbeholfen zwischen seinen Zähnen umherharkt (la lengua rastrilla, danke spanische Sprache). Dann geht’s zurück in die Berge. Nach Cajamarca.

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