El desierto de La Guajira

Ein Augenblick in der Wüste. Nach Riohacha wird die Natur rauer. Das satte Grün der Nordausläufer der Sierra Nevada verblasst. Auf den trockenen, graubraunen Böden wachsen Kakteen und geduckte Bäume, dornenbewehrt zum Schutz vor der lebensfeindlichen Umgebung. Schnurgerade führt die Straße durch die Wüste, immer parallel zur Bahntrasse, die von den Steinkohletagebauten der Correjon zum Hafen Puerto Bolivar an der Karibikküste führt. Von dort aus wird der Rohstoff in alle Welt verschifft, auch nach Deutschland.

Nach Uribia endet die Straße und der Jeep holpert über die bloße, festgefahrene Erde. Im Innern verschafft die Lüftung etwas Abkühlung. Die Landschaft vor den dreckigen Fenstern gleicht einem Endzeitszenario. Die Hitze ist unerträglich. Der Gedanke, länger als einige Minuten der Sonne ausgesetzt zu sein, erscheint katastrophal.

Je weiter man hinaus fährt Richtung der Spitze der Halbinsel La Guajira, desto stärker wird der Wind, desto unbarmherziger schlagen die Wellen gegen den Rand der Einöde. Feine Sandkörner werden durch die Luft geschleudert wie kleine Projektile, die Wassertropfen der die Küste emporstrebenden Wellen werden weit ins Land getragen und über allem steht die Sonne am Himmel, wie ein Komet dessen Einschlag unmittelbar bevorsteht. Unaufhörlich zerrt und drückt der Sturm gegen den Körper, sodass man meint, jeden Moment endgültig von ihm erfasst und hinfort gerissen zu werden. Doch gerade dieser Intensität, dieser Brutalität der Elemente wohnt eine ursprüngliche, derbe Schönheit inne, die mich ehrfürchtig verstummen lässt.

Dieses magische Fallout-Szenario wird bewohnt von den Wayuu. Ein indigenes Volk, welches einst aus den fruchtbaren Regionen Guayanas hierher vertrieben wurde. Seither siedeln sie in der Abgeschiedenheit dieser Region in kleinen Familienverbänden, leben von Viehwirtschaft und Fischerei und waren vom monetären System wahrscheinlich ähnlich ausgeschlossen wie die Stämme der Sierra Nevada – bis die Gegend vom Tourismus entdeckt wurde.

Jetzt stehen sie da an der Straße, im Schatten notdürftig errichteter Holzdächer, unter denen kunstvoll gewebte Taschen, die zum Verkauf angeboten werden, im Wind flattern. Die Frauen tragen bunte Gewänder, die an japanische Kimonos erinnern, die Kinder sind halbnackt, harren regungslos aus – einen Arm ausgestreckt, die Handfläche bittend nach oben gedreht – und verfolgen mit flehendem Blick die Vorbeifliegenden. Einige errichten hilflose Straßensperren aus bunten Wimpeln, über die der Fahrer gleichgültig hinweg donnert.

Andere haben Läden eröffnet, Restaurants oder kleine Hostels, eine überdachte Terrasse im Obergeschoss mit zwei Dutzend bunter, im Wind tanzender Hängematten. Das Meer ist nur drei Schritte vom Haus entfernt, aber fließendes Wasser gibt es nicht. In der hölzernen Duschkabine steht ein Eimer, in dem die untere Hälfte einer abgeschnittenen Plastikflasche schwimmt, Strom liefert der Generator. Ein Liter Wasser kostet etwa 1,50 €, ein Liter Benzin die Hälfte.

Es gib nur einen anderen Gast, ein Kolumbianer aus Bogotá. Kevin – der Name wird spanisch ausgesprochen, die Betonung auf der zweiten Silbe, das v geht im unbestimmten Dualismus von v und b auf, also etwa „Kebien“ – spricht fünf Sprachen und redet gern, wobei seine feingliedrigen Hände beständig durch das freundliche Gesicht und über den Kopf fahren. Wir fahren gemeinsam in die Wüste, lesen unterwegs noch Victoria aus Argentinien auf, verbringen einen interessanten Nachmittag und einen lebhaften Abend. Auf einen verrosteten Heinz-Ketchup-Deckel am Ende der Welt folgt ein von einem österreichischen Gummibärensafthersteller gesponserter Jeep, der ein Soundsystem in Cabo de la Vega aufgebaut hat und die überschaubare Gemeinde mitnimmt auf eine kleine Reise durch die lateinamerikanische Musikgeschichte. Salsa, Champete und natürlich Reggaeton. Der Strand wird gestreichelt von den gekonnten Schritten der Tanzenden und vom Meer, welches hier in der Bucht wieder ganz zahm ist. Meine beiden Gefährten für diesen Abend können wirklich jedes Lied mitsingen und tun dies auch aus voller Überzeugung. Und auch wenn gerade Reggaeton für mich der Inbegriff beliebiger (tschuldigung, aber..) Scheißmusik ist, ist die ehrliche Begeisterung der Menschen, die sich hier ziemlich zufällig versammelt haben, ansteckend. Die Fähigkeit diese Begeisterung in einer anmutigen Choreographie auszudrücken, überträgt sich leider nicht so einfach.

Der Vollmond steht schon hoch am Himmel, als wir durch den leeren Ort zurück zum Hostel gehen. Der Wind wiegt mich in den Schlaf und als ich am Morgen aufwache, ist die Hängematte neben mir schon verwaist – Kevin auf dem Weg nach Punta Gallinas, Victoria wahrscheinlich auch und ich warte allein auf den Jeep zurück nach Uribia, Riohacha, Palomino und weiter..

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