Rincón del Mar

Inmitten des grünen Reichtums der Küstenwälder, eine halbe Motorradstunde von der Chaussee entfernt, dort wo der bucklige Feldweg auf die Karibik trifft, da liegt Rincón del Mar. Ein kleiner Ort dessen Einwohner der lähmenden Hitze mit afrokolumbianischer Entspanntheit begegnen.

Unter dem schützenden Schatten des Palmendaches tröpfeln die Gespräche dahin, schwellen zum Mittag kurz an, gluckern im Takt der Dominosteine durch den Nachmittag, fluten die Abendluft während des Fußballspiels, bevor sie zur Nacht schließlich versiegen und nur noch das Schnattern der Geckos und das immerwährende Rauschen der warmen Wellen bleibt.

Irgendwann akzeptiert man die Hitze, den Schweiß und die Langsamkeit, treibt in den Wellen, treibt in der Hängematte, beobachtet die Schatten der Fregattvögel, die Buchstaben auf den vergilbten Seiten eines gefundenen Buches, die Kinder, die einen klumpigen Ball über den Strand treiben. Und entspannt sich.

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Spiegel

In der Mitte des Patios steht ein kleiner Brunnen. Ein metallenes Quadrat, in dessen Mitte aus dem höchsten Punkt einer silbernen Kugel das Wasser sprudelt. In der Kugel spiegelt sich die kleine Welt dieses Hofes. Die hellen, sauberen Wände, die Treppe zum Obergeschoss, die Fensterläden aus dunklem Holz und das klare blaue Viereck des Himmels.

Die Spiegelung ist perspektivisch verzerrt, aber ganz deutlich, jedes Detail, jeden Schwung des ornamentalen Geländers, jede Regung im Gesicht der Bewohner nimmt sie vorweg. Vielleicht ist es keine Spiegelung, vielleicht ist vielmehr der Brunnen der Ursprung dieser Welt und der Innenhof die Projektionsfläche. Vielleicht konzentriert sich in einem Punkt im Innern, im Zentrum der Kugel das ganze Bild und wird von dort aus in die Außenwelt geworfen.

Auch das Cartagena innerhalb der Mauern ist ein Spiegel. Ein Spiegel unseres Bedürfnisse nach einer bunten, heilen Welt. Nach gepflasterten Gassen durch verträumt ein Saxophon wandelt. Nach Flucht vor der Kälte unter der sich die Körper krümmen, nach ewiger Wärme durch die man in bunten Hemden oder leichten Sommerkleider aufrecht flanieren kann. Nach der nächtlichen Partywelt, bunt glitzernd wie das Ikea-Bälleparadies. Nach einer Körperlichkeit, die die herausfordernd über die Plätze der Altstadt schießenden Blicke der Prostituierten suggerieren. Und nach dem, was die Jungs verkaufen, die uns tagsüber noch mit Sombreros und Sonnenbrillen versorgen.

Die Darstellung ist natürlich zugespitzt und vielleicht etwas eurozentristisch. Es geht auch nicht darum der unglaublich vielfältigen kolumbianischen Kultur ihre Originalität abzusprechen, sondern darum, denjenigen welchen die Stadt am Tage zu kitschig und bei Nacht zu zwielichtige erscheint entgegenzuhalten, dass dieser Teil der Stadt nicht Kolumbien ist und nicht Cartagena. Das sind wir.

Cartagena

Der Flug geht früh um 5:00. Aufstehen um 1:00, geschlafen habe ich eigentlich nicht. Die Ausreise verläuft problemlos. Ich bin der einzige am Schalter und die Beamte drückt mir anstandslos den Stempel in den Pass, der meinen Aufenthalt in Peru beendet. Ich bin viel zu früh am Gate, genieße aber der Augenblick des Übergangs, traumwandle zwischen Peru und Kolumbien, zwischen halb geöffneten, halb geschlossenen Geschäften und diesen unwirklichen Flughafenkneipen, deren grün-braunes Interieur in der gesichtslosen Flughafenwelt Gemütlichkeit simulieren soll. Im Wartesaal liegen die Stewardessen in ihren strengen blauen Uniformen auf den Bänken und schlafen. Ich tue es ihnen gleich. Warte liegend, warte sitzend zwischen den Welten, bis wir irgendwann nach Stunden des Dösens das Ziel erreichen: Cartagena. Die Türen öffnen sich und die künstliche Flugzeugatmosphäre wird von feuchtheißer karibischer Luft infiltriert, durch die man langsam zu Boden sickert. Der Taxifahrer strahlt Zufriedenheit aus, fährt langsam, ohne zu Hupen und beantwortet meine Fragen mit einer Stimme die aus den entspannten Tiefen einer Hängematte zu kommen scheint.

Cartagena gibt es mindestens drei mal. Zunächst ist da die auf einer Halbinsel gelegene historische Altstadt. Farbenfrohe, fast comichaft herausgeputzte Kolonialarchitektur, gepflasterte Gässchen, grün zwischternde Parks und dekadente Gotteshäuser. Die Befestigungsanlagen aus der Zeit der Spanier, schützten das Zentrum einst nach außen gegen den Zugriffen englischer Freibeuter und nach innen vor der Zudringlichkeit der ärmeren Bevölkerungsschichten. Heute grenzt die Mauer das touristische Zentrum ab. Von der Altstadt wiederum ragt die Landzunge Bocagrande weit ins Meer hinein. Auf ihr wurde ein architektonisches Paralleluniversum aus Stahl und Glas errichtet, das die großen Hotels beheimatet. Die dritte und eigentlich Stadt, die der Einwohner Cartagenas, ist weit nach Westen ins Festland gewachsen und hat wenig gemein mit den touristischen Bereichen.

Ich wohne in Getsemaní, welches noch zur Altstadt gehört, als ehemaliger Arbeiterbezirk aber wiederum durch eine Mauer von dieser getrennt ist. Die Häuser, in denen sich zumindest in den Randbereichen Hostels, Bars und Wohnungen abwechseln, sind hier etwas niedriger und weniger aufwendig verziert, aber mindestens ebenso bunt. Die Tage sind warm, die Menschen drängen in den Schatten und in der Luft die über der leeren Straße zu flirren beginnt, steht der bedächtig geschlagene Rhythmus der Clave. In immerwährendem Wechsel täuscht er mit den ersten drei Tönen Kontinuität an, um dann zwei etwas verzögerte, dafür aber schneller übereinander stolpernde Schläge hinterher zu schicken.

Am Sonntag wird die Straße an der Stadtmauer für ein Frauenbaseballturnier gesperrt. Die Bad Girls in rosa spielen gegen die Poderosas in gelb. Beide Mannschaften führen die sympathische Tradition fort, dass man um Baseball zu spielen nicht unbedingt sportlich aussehen muss. Die Geste mit der die Werferinnen eingeschüchtert werden – der Schläger kreist zwei drei Mal locker um das Handgelenk, bevor mit seinem dicken Ende in Richtung Gegner gedeutet wird – erfolgt mit einem Augenzwinkern. Offensichtlich nimmt niemand den Ausgang des Spiels allzu ernst, so dass den Zuschauern auf der Mauer ein heiteres, von Raggaeton begleitetes Schauspiel geboten wird.

Am Abend wird das Wohnzimmer zur Straße hin geöffnet, die Türen und Fenster sind weit aufgestoßen. Oma sitzt mit der Tochter und den Enkeln auf dem Bürgersteig. Drinnen hat Opa die alte Musik aus Palenque auf der 80er Jahre Anlage voll aufgedreht und ist darüber in seinem Schaukelstuhl eingedöst.

Etwas weiter auf dem Plaza de la Trinidad wird Zumba getanzt. Auf den Treppen die zum Portal der gelb angestrichenen Kirche führen, hüpfen die Vortänzer umher. Unten wogt die bunte Masse der Menschen zwischen dem altehrwürdigen Gotteshaus und den erstarren Plastiken. Danach sitzt man beim Bier auf der Treppe und mit der erlösenden Kühle der Nacht ziehen der Duft von Gegrilltem und die Andeutungen der Straßenmusiker vorüber.

Lima III

Erwachen in Lima. Ein kurzer Sprung über die Berge statt, 30 Stunden Busfahrt. Die Anden bleiben erst unter den Wolken, dann in der Dunkelheit verborgen, aus der sich kurz vor der Landung die Lichterkette der Küstenlinie schält.

Manchmal erkennt man einen Ort erst, wenn man ihn verlassen hat. Beim Abendessen in einer einfachen, von vier älteren Herren geführten Kneipe. Die Wände sind mit dunklem Holz vertäfelt und statt der in tropischer Hitze dröge werdenden Blicke, wird an den Tischen mit ernster Miene diskutiert. Mäntel in gedeckten Farben ersetzen die unter abgerissenen T-Shirts zur Schau gestellten Bäuche. Beim Spaziergang durch Barranco, bei Innehalten auf dem zähflüssigem Dach eines der alten Häuser an der Bajada, genieße ich den Luxus eines begehbaren öffentlichen Raumes der schön ist, der einlädt ihn zu betrachten, zu erleben, denn so interessant die Wälder der Selva sind, ihre Städte verursachen physische Schmerzen, eingezwängt zwischen porösen Mauern und den durch die Hitze schwirrenden Mototaxis, zieht sich die Wahrnehmung zurück, auf die Inseln im Inneren. Oder in das Hotelzimmer.

Gleichzeitig schäme ich mich. Denn diesen Luxus können die ärmeren Regionen des Landes bzw. eigentlich fast alle Siedlungen außerhalb der historischen Zentren der alten Kolonialstädte dem verwöhnten Europäer nicht bieten und haben ihn auch scheinbar nicht nötig. Die alten Frauen in Yurimaguas machen das kleine Stück Gehweg vor ihrer Haustür kurzerhand zur Terrasse und wippen entspannt in ihren Schaukelstühlen, während die Herren nebenan gelöst Karten spielen, ohne sich an Lärm und Staub zu stören.

La Selva de los Espejos

aislarse – sich isolieren, sich abschotten
(wörtlich übersetzt etwa „sich verinseln“)

Yurimaguas liegt am Ufer des Flusses Rio Huallaga. Und auch die Stadt selber ist Ufer, ist Übergang. Hier hört die Straße auf, weiter hinein in die Selva geht es nur auf dem Fluss. Am Hafen liegen die nostalgischen Frachtschiffe, dicht drängen ihre bunten Aufbauten an Land. Mit Kreide beschriebene Tafeln verkünden Abfahrtszeit und Zielort – San Lorenzo, Nauta, Iquitos. Die Hitze ist drückend, die Luft schwer. Der Ort hat nichts von einer quirligen Hafenstadt. So träge wie das braune Wasser des Huallaga fliest auch das Leben durch die Zeit. Manche der Schiffe liegen hier eine Woche bevor sie voll beladen sind und abfahren. Crew und Passagiere liegen in Hängematten im Schatten der unteren Decks, und baumeln durch den immergleichen Tag, bis zur Abfahrt.

Das Schnellboot fährt zeitig ab: 4:30. Die Temperatur ist noch angenehm, Nebel liegt über der Stadt. Die Motoren dröhnen ohrenbetäubend und lassen das Wasser brodeln. Schwarz wird zu blau und grüne Ufer schälen sich aus dem grau des Nebels. Wir fliegen vorbei an winzigen Flusskommunen, mit Namen, die viel über die Geschichte und über die Armut dieser Gegend aussagen: Nueva Esperanza, Progreso, Nuevo Mundo. Blass leuchten bunte T-Shirts im Dunst zwischen den auf Stelzen balancierende Holzbauten.

Vier Stunden flussabwärts liegt Lagunas. Eine kleine Stadt, bunt angestrichene, hohle Holzbauten säumen die einzige befestigte Straße. Der Strom wird nachmittags 16:00 angeschaltet. An der Anlegestelle wird be- und entladen. Träger kämpfen sich schwitzend, die schwere Last auf dem Rücken den kurzer staubigen Abhang empor. Ein Mann drischt mit einem Baseballschläger systematisch auf einen Sack ein, etwa zehn Minuten lang. Ich habe keine Ahnung warum. Es sieht irgendwie manisch aus. Aber das tut es wahrscheinlich auch, wenn man jeden Tag an denselben Platz geht, dort acht Stunden lang auf einen Kasten schaut und ihn dann erleichtert wieder verlässt.

Von Lagunas aus geht es in den Wald. Eine versunkene Welt. Braunes Wasser fließt träge zwischen den Bäumen dahin, umspielt toten Äste, die mahnend daraus hervorragend und kommt an den Wurzeln zur Ruhe.

Die Menschen leben auf Inseln. Unsere ist ein schmaler Baumstamm. Ausgehöhlt, der Rand nur knapp über der Oberfläche. Wir schweben mit der Strömung hinab, gleiten über eine Lichtung, ein kleiner kleinen Teich über dem die Sonne Dunst aufsteigen lässt und tauchen im Zwielicht schmaler Pfade, dicht an Wurzeln vorbei, durch grüne Vorhänge hinein in die kleinen Welten im Schatten der übers Wasser ragenden Ästen. Kupfern leuchten die Sonnenflecken auf der Wasseroberfläche, wellenförmig streicht das reflektierte Licht durch die Blätter.

Auf einer vom melodischen Glucksen des Caciquen erfüllten Lichtung steht ein Holzhaus auf Stelzen im Wasser. Wackelig steht es da, schief und unsicher, vom letzten Erdbeben, welches nur das auf einem stabilen Betongerüst stehende Klohäusschen unversehrt gelassen hat.

Der Ort ist einsam. Die dichte Wand der Bäume lässt den lustigen Gesang der Vögel nicht durchdringen, sondern wirft ihn hallend über das flache Wasser zurück. Die Stille danach wirkt endgültig und lässt dieses kümmerliche Zeichen der Zivilisation nur noch verlassener erscheinen.

Menschen trifft man nur selten auf dem Weg, am Ufer oder ebenfalls in einem Baum auf dem Wasser sitzend. Leise sprechend, wandeln sie langsam vorüber. In einem unverständlichen spanisch, den Blick nicht einander, sondern der Fahrtrichtung des Bootes oder der Arbeit zugewandt, werden die letzten Neuigkeiten getauscht, bis man hinter der nächsten Biegung verschwindet.

Tiere aber sind allerorten. Vögel in prächtigem Gelb oder schillerndem Blau singen, schimpfen oder pfeifen melancholische Dreiklänge. Affen rascheln in den Bäumen. Eine Lichtung wird von Wölfen bewohnt – „Lobo“ sagen die Einheimischen. Es sind Otter, die allerdings ziemlich groß werden und paarweise mit aus dem Wasser gestreckten Köpfen aufgescheucht umherschlingern, sobald sich jemand nähert. In einem dunklen Tümpel schnauft ein Delfin, bevor er mit der Fluke grüßend in die Tiefe verschwindet. In einem kleinen Wald brüten unzählige Reiher, deren Küken den plumpen Leib mit zu langem Hals noch ungeschickt durchs Geäst manövrieren. Alles schreit und flattert durcheinander, die Gemeinschaft versucht vergeblich einen schwarzen Adler zu verscheuchen, der ruhig auf seine Gelegenheit wartet.

Die Menschen leben auf Inseln, auf Stelzen im Moor, halbe Tagesreisen voneinander entfernt. Allein, zu zweit oder zu dritt, mit einem Kleinkind, kaum ein Jahr alt. Der Fluss gibt Wasser, Strom gibt es keinen. Ein paar Hängematten auf der offenen, aus ein paar Brettern gezimmerten Terrasse unterm Schilfdach, eine Feuerstelle, ein schmales, stets von Fliegen umkreistes Boot als Portal zu Außenwelt. Und ein Kofferradio, aus dem schwallweise die Provinznachrichten durch das Rauschen brechen.

Abends kommen die Nachbarn, wer weiß wie weit her. Es gibt es Fisch, geerntet aus dem heimtückisch an den Rand des Unterholzes gelegten Netzes. Ein silbrig schillerndes, rot leuchtendes Massaker, gekocht oder gebraten mit Bananen oder Maniok.

Und dann wird erzählt. Die Kerze auf dem Holztisch ist die einzige Lichtquelle. In langen Lamentos, wird mit melodischer Stimme eine traurige Geschichte vorgetragen. Er nimmt sich Zeit, wiederholt, erwähnt jedes Detail, jedes Wort des erzählten Dialogs. Er isst langsam, ist langsam, lässt sich nicht ablenken von den Faltern die über seine Arme krabbeln oder den zwei rot leuchtende Punkte die unten an der Anlegestelle an den Kanus vorbei gleiten, während die am Tisch versammelte Gemeinde andächtig lauscht und gedachte Bilder des Erzählten ins Dunkel der Nacht projiziert.

Es sind noch die alten Indigenen Verbände die hier zusammen finden. Die meisten haben ihre Sprache verlernt, nicht aber die Geschichten dieses Ortes, des Waldes im Fluss. Düstere Erzählungen handeln von den unheimlichen Wesen jenseits des Spiegels. Von den Flussdelfinen, die des Nachts als große, blasse Fremde dem Wasser entsteigen und die Frauen heimsuchen oder von den Seekühen, die nur man ganz selten als langsam nach Luft schnappende Erscheinung im dunklen Fluss sieht.

Nachts atmet der Wald vielstimmig surrend, quakend, rufend, brüllend, vibrierend, schnarcht und furzt. Am Morgen krächzt das Radio Cumbia und zum Frühstück werden die Geschichten lebhafter und handeln teils in phantasievollen Bildern, teils sehr konkret vom Liebesleben in der Gemeinde.

Zurück in Lagunas. Am Vorabend des Feiertages San Juan findet in der Sporthalle der Schule ein Tanzwettbewerb statt. Vier Kulturvereine (die spanische Bezeichnung klang irgendwie besser) führen in aufwändigen Kostümen traditionelle Tänze auf, die den im Einklang mit der Natur lebenden Menschen zum Thema haben. Jeder Verein hat seinen eigenen Fanclub mitgebracht, also ist fast die ganze Stadt versammelt. Nach dem offiziellen Teil – es werden etwa zehn Ansprachen gehalten und die Nationalhymne gesungen – beginnen die Darbietungen. Treibend perkussive Musik begleitet die dynamischen Choreographien, der als Tiere, Jäger oder indigene Naturgottheiten verkleideten Tanzenden. Alle legen sich mächtig ins Zeug, eine Gruppe errichtet einen kleinen Scheiterhaufen aus Fackeln in der Mitte der Halle, der nach der Vorführung vom Moderator, während er die nächste Ankündigung macht, beiläufig ausgetreten werden muss. Die Halle tobt, feiert ihre Kultur, ihre Umwelt und sich selbst.

amazonisate! – amazonisiere dich!
(Rückbesinnung auf die Lebensweise und Kultur der Indigenen im Amazonasgebiet)

Chachapoyas

Am Busbahnhof von Chachapoyas nehme ich Abschied von den Anden. Das Dach des Colectivos wird säckeweise mit Kartoffeln beladen, oben darauf das Netz mit den Hühnern, die gackernd protestieren. Zuletzt wird ein greiser Campesino auf die vordere Bank gehievt und dann geht’s los. Nach Tarapoto, in den Regenwald.

Anders als der Name der Provinz Amazonas, deren Hauptstadt Chachapoyas ist, vermuten lässt, liegt die Stadt immer noch stattliche 2.300 m über dem Meeresspiegel, am Osthang der Anden, also im Übergang von den Bergen in den Regenwald. Es ist ein hübsches Städtchen. Die zentrale Geschäftstraße ist als Fußgängerzone ausgewiesen (was in Peru eine ziemliche Seltenheit ist). Schnurgerade führt sie durch einen Rahmen weißer Kolonialbauten mit hölzernen Balkonen, auf denen rote Blumen blühen.

Die ganze Gegend hier im Norden hat sich herausgeputzt, „off the beaten path“ steht im Reiseführer, also abseits der ausgetretenen Pfade. Tatsächlich wären es mehrere Tagesreisen bis der Bus von den touristischen Hauptattraktionen hier ankommt. Die Verheißungen aus dem Süden sind ihm indessen lange voraus geeilt. Aufgrund der etwas abgeschiedenen Lage verirren sich bisher aber nur verhältnismäßig wenige Reisende in diesen wirklich sehr schönen Landstrich mit dem angenehmen Klima, der die Heimat des genauso sagenumwobenen wie verschwundenen Volkes der Chachapoya war.

Doch der Reihe nach. Ich komme mit dem Nachtbus von Cajamarca. 330 km, 12 Stunden blindes, traumloses Gerumpel durch eine mutmaßliche malerische Landschaft. Miguel, mein Couchsurfing – Gastgeber, bei dem ich kostenlos übernachten darf – empfängt mich in seiner Aufregung mit einem Schwall aus Marx, gotischer Architektur und Psychoanalyse. Irgendwann hört mein spanisch auf und ich lege mich schlafen. Alles ist etwas improvisiert und so bette ich mich auf ein paar Decken, den Kopf gewissermaßen auf dem Bordstein. Nur eine dünne Wand trennt den Raum von der Straße, der Boden bebt von den vorbei rumpelnden Fahrzeugen und irgendwo ganz in der Nähe muss der Schlachthof sein.

Die Erschöpfung lässt mich gut schlafen und am Mittag erscheinen die Dinge geordneter. Miguel baut sich ein Haus. Er hat nicht viel Ahnung davon, steht aber exemplarisch für viele in diesem Land, die einfach machen. Alles ist offen. Nichts versiegelt. Jeder kann alles lernen, da man sieht wie es gemacht ist. Niemand kommt um zu helfen. Es ist einfacher es selber zu machen und auf dem Weg zu lernen. Es dauert nur manchmal eine Weile bis das Material beschafft ist. Er baut seit drei Jahren. Die Stadt verbietet ihm ein zweites Stockwerk, sodass mangels ordentlicher Regenwasserableitung vom Dach die Mauern des Erdgeschosses schon wieder zu bröckeln beginnen. Davon unbeeindruckt werkelt er weiter. Momentan wird gemalert. Ein Raum ocker ein Raum grau. In den folgenden Tagen empfängt er mich stets freudestrahlend und farbenprächtig besprenkelt wie nach einem indischen Holi-Fest, inmitten dieser Baustelle die sein zu Hause ist.

Mein erstes Ziel ist Kuelap, die auf einem Bergrücken im Nebelwald gelegene Festungsruine der Chachapoya. Hier ist das Versprechen von Machu Picchu am stärksten zu spüren. Vor zwei Jahren wurde die Seilbahn über das Tal eingeweiht, über die im Valle Sagrado noch diskutiert wird. Die hochmoderne Anlage wirkt noch etwas verlassen und so gondelt man ungestört über diesen wahnsinnigen Ausblick hinauf zu der sagenumwobenen Anlage der Nebelkrieger. Und bald kommen auch die anderen Touristen. Ganz bestimmt. Irgendwie ist das auch eine Art Ahnenkult. Die verschwundene Kultur der Vorfahren wird die ökonomische Grundlage der heutigen Generation. Meine Gedanken darüber ob es eigentlich Experten für die Vermarktung der alten Völker gibt und ob man ihr Andenken für die aktuelle Nachfrage optimiert, werden bald von der verzauberten Atmosphäre dieses Ortes vertrieben. Kuelap ist erst seit ein paar Jahren wieder zugänglich. Noch immer sind Natur und Siedlungsreste miteinander verwachsen. Dicke Wurzeln sprengen graue Mauern. Leuchtend rote Bromelien sitzen auf den Ästen und sanftgrüne Moosschleier wehen nostalgisch im Wind. Im Hintergrund immer die Anden. Eine Ruinenlandschaft im wahrsten Wortsinn.

Am Folgetag wandere ich zur zweiten Attraktion der Gegend, zum Wasserfall von Gocta. Ein Motortaxi fährt mich durch den grauenden Morgen hinauf zum Anfang des Weges. Es fühlt sich ein wenig an wie Reisen wie vor 200 Jahren. Der holprig Pfad lässt mich auf der Rückbank genauso lustig wie Rückgrat sprengend auf und ab hüpfen. Oben angekommen führt ein stiller, schattiger Weg durch den Wald. Kleine Vögel hüpfen über den Pfad. Moosbewachsene Steine spiegeln die Landschaft im kleinen am Wegesrand. Auf den lichten Flecken feiern sich vielfarbig umspielende Schmetterlinge Karneval. Ein bunter Waldgeist mit Zipfelhut und Badelatschen fliegt an mir vorüber.

Als ich nach langem Marsch den Wasserfall erreiche liegt er da schon freudejauchzend auf dem Rücken in dem dunklen Becken, das am Fuße der Kaskade das Wasser sammelt. Im Kontrast zu der fröhlich posierenden Touristenschar ist die Gewalt, mit der das Wasser aus 500 Metern in die Tiefe stürzt ziemlich respekteinflößend. Geisterhafte rauschen geschwungene Schleier aus der Höhe herab und zerschellen auf den Felsen. Ein kalter Wind der von diesem Ort ausgeht, treibt feine Tropfen weit in das moosige Tal. Wenn der Blick die steile Felswand empor und über sie hinaus in den bedeckten Himmel wandert, sieht es aus als liefen die Wolken aus, als gleiten sie hier zur Erde.

Der Rückweg wird begleitet vom letzten Sonnenuntergang in den Anden. Der Mond steht schon blass am blauen Himmel, während das weiche Abendlicht ein letztes Mal die Felder leuchten lässt, sanft über die Berge streicht, ihre Konturen in langen Schatten verstärkt, zu den Wipfeln flieht und schließlich erlischt.

Am Abend sitzen wir dann zu dritt auf dem Dach, also eigentlich im 2. Stockwerk. Miguel, ich und der junge Ingenieur, der eines der Zimmer für 15 Dollar Miete im Monat als Büro nutzt. Wir hören peruanischen Punk und der Ingenieur (ich habe seinen Namen vergessen, weil Miguel ihn tatsächlich immer nur „Ingeniero“ nennt) fragt mich nach deutschem Cumbia. Also deutscher Konsensmusik, der Musik die alle hören. Die Antwort ist nicht einfach, weil trotz der Vielfalt der peruanischen Landschaft und der Menschen, der Cumbia hier stetig stolpernder, alles begleitender Grundbeat ist, von der Costa, über die Sierra bis zur Selva (die peruanische Dreifaltigkeit: Küste, Berge, Regenwald). Die deutsche Musiklandschaft ist trotz Formatradio um einiges vielfältiger und traditionelle folkloristische Musik, was ein anderes Äquivalent wäre, spielt kaum mehr eine Rolle. Ich überlege lange und wir beschließen den Abend letztlich mit Kraftwerk. Es gefällt ihm und die Synthesizer Melodie von das Model ließe sich tatsächlich ziemlich gut mit einem Cumbia Rhythmus unterlegen.

Abfahrt. Die erste Zwischenstation des Minibusses nach 4 Stunden fahrt ist das bereits im Tiefland liegende Nueva Cajamarca. Eine stickige, irgendwie ungesund wirkende Ansammlung von Häusern. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn und denke etwas wehmütig zurück an die klare Luft in den Bergen. Wir fahren weiter, mitten hinein in einen biblischen Regen, der den Dreck wegspühlt. Jemand öffnet ein Fenster, die gereinigte Luft strömt in die stickige Kabine und lässt die orangenen Vorhänge vor dem Fenster lustig wedeln.

(Das wäre ein schönes Ende, in der Realität gibt es aber meistens noch ein Kleinkind im Bus dem es nicht ganz so gut geht.)