Der See

Lago Titicaca

Bisher kannte ich diesen weltberühmten See nur von Johannes‘ Ohrwurm, den er mir schon seit einigen Jahren immermal ins Ohr gedudelt hat. ♪ Spacecake break at the Titicaca Lake…, get some more in Ecuador ♪ Nun fuhren wir also dorthin und damit auch ins ersehnte Bolivien.

Obwohl wir den See bereits am peruanischen Nordufer für einen kurzen gewittrigen Abendspaziergang kennenlernten, wurde mir seine Erscheinung und Unfassbarkeit erst im bolivianischen Südteil gewahr. Bereits der Grenzübertritt war rührend friedlich. Man passiert zu Fuß ein altes steinernes Tor, bekommt einen moosgrünen Stempel und steht dann da so am Ufer des Sees zwischen einigen Snack-Ständen unter der leuchtenden Sonne, nun also in Bolivien. Das klingt so schön, wenn der Namensgeber auch eigentlich der Nachname des kreolischen Unabhängigkeitshelden Simón Bolivár ist. Die Landschaft wirkt italienisch-kroatisch, nicht zuletzt durch ihren Duft nach Pinien und Wacholder. Die bolivianischen Frauen tragen hier Schürze und Reifrock sowie eine unergründliche Anzahl Unterröcke, welche durchaus auch mal als Taschentuch geeignet zu sein schienen.

Copacabana

Wir verweilen für einige Tage im Städtchen Copacabana. “Wir sind nicht aus Bolivien, wir sind nicht aus Peru, wir sind vom See“ sagen die Leute hier. Sie sagen auch, dass er eine starke Energie und Ruhe ausstrahlt. Und tatsächlich, gleich dem blau schillernden Wasserspiegel liegt die Stadt still in der Sonne. Ewige, weiß strahlende Siesta unter den Kuppeln der Basílica. Vielleicht ist wirklich der See die Ursache. Das unbewegte, reine Blau, das weite Aussichten auf die Inseln eröffnet, die im Dunst liegen und auf die Wolken, die sich über ihm zusammenziehen. Vielleicht aber auch die isolierte Lage auf einer Halbinsel. Im Rücken die Grenze, im Blick das Wasser. Hier kommt niemand zufällig durch.

Am Hafen von Copacabana

Wir genießen die gedämpfte Stimmung. Wenn einmal Ruhe ist, sagt Alex, dann traut sich auch niemand mehr laut zu sein. Die Autos fahren langsam übers Pflaster, niemand hupt und selbst die Bauarbeiten scheinen irgendwie behutsamer vonstatten zu gehen. Bei den Instandsetzungsarbeiten vor unserem Hostal wird die Schwere der Arbeit durch fehlende Mittel deutlich. Alte morsche Holzsäulen, an denen bisher die Elektrizität befestigt war, werden durch neue Betonmasten ersetzt. Dabei klettert ein Arbeiter mit sonnenabwehrendem Krempenhut mittels ringförmiger Steigeisen an den Schuhen auf die Masten und begibt sich in hohe Gefahr. Keine Hebebühne, maximal ein Kran hilft. Unseren Abendspaziergang vorbei am Kirchplatz säumt zuweilen ein gut besuchtes Hallenfußballspiel. Vor der unscheinbaren Halle sind drei spärlich, aber gemütlich beleuchtete Suppen- und Nudelpfannenstände aufgebaut, um die die Köchinnen ein paar Plastikstühlchen platziert haben, den hungrigen Herren Herr zu werden.

Andenlandschaft

Isla del Sol

Unser Boot Pachamama fährt vom militärischen Teil des Hafens und gibt uns zum Frühstück eine Ladung Dieselgestank. Auf Deck ist es dem gegenüber herrlich sonnenwindig und je ferner man der Stadt kommt, umso (noch) friedlicher und stiller wird es. Im Hintergrund zeichnen sich hohe schneebedeckte Berge ab, die nun erst greifbar die Höhe dieses einmaligen Sees verdeutlichen.

La Isla del Sol

Die Sonneninsel ist ihrem Namen treu. Eukalyptusbäume und Oca-Felder prägen ihre Erscheinung, auch wenn am Hafen zunächst mit Hostales geglänzt wird. Etwas weiter oben wird uns aber schon bald die Stille und Friedlichkeit dieser Insel mit ihren vielen Viehbewohnern gewahr. Maultiere tragen Reißigzweige auf alten Steintreppen den Hügel hinauf, grau-senfgelbe Finken hopsen umher, Mäuse jagen durchs Mauergestrüpp und die Schweine suhlen sich. Wir spazieren still durch die terrassierten Felder und Kräuterbüsche. Häusersiedlungen liegen vereinzelt, teils aus Lehmziegeln, teils aus gebrannten gebaut.

Das Wasser

Kaum ein Mensch ist anzutreffen und wenn, dann eher zurückhaltend bis skeptisch auf den ersten Blick. Die angestellte Omi im Hostel ist herzzerreißend in ihrer umtriebigen, aber leicht vergesslichen Art und hätte schon längst ihre Rente verdient, doch sie schuftet von morgens um acht bis abends um zehn, immer zwischen Küche, Gastraum und Sonnenterrasse mit See- und Bergblick. Auf der anderen Seite des Hügels brennen Feuer zur Dämmerung. Staunend genießen wir den blaugelben Sonnenuntergang hinter den schwarz gewordenen flachen Landzungen, während auf der gegenüberligenden Hügelseite der runde, überaus strahlende Vollmond seinen Glanz über den See sendet und die Sonne von drüben lila-gelbliche Lichtstreifen an den Horizont malt.

Als es dunkel ist, werden mehr Lichter als erwartet an den Ufern ringsum deutlich, die wie aufgereihte Brillanten funkeln und die Privilegiertheit durch Elektrizität an diesem urigen Ort in Erinnerung rufen. Eine hier typische Quinoa-Gemüsesuppe zum Abend stellt sich wieder einmal als dankbares, von innen wärmendes Gegenmittel gegen die Höhenkälte heraus. Drei Männer des Dorfs teilen sich eine Ecke des Tisches und schnacken beim Feierabendbier, (drei Generationen von Damen freilich in der Küche rotierend) während die einzelnen Touristen stumm ihr Mahl in sich hinein mummeln und leicht verfroren davon trotten.

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