Medellín, gesprochen medejin, wobei im j ein weiches ch, wie etwa in Milch, angedeutet wird. Medellín. Eine kleine Melodie, freundlich, wie die grünen Hügel, welche die Stadt umgeben, sanft wie ihr immer frühlingshaftes Klima, weich wie das Licht der Abendsonne zwischen den Häusern.

Die Geschichte der Stadt, die da so pittoresk im fruchtbaren Tal liegt, ist jedoch alles andere als freundlich. 6.658 Morde waren es im Jahr 1991. Medellín war Zentrum des Drogenhandels und damit selbst inmitten eines Landes, in dem sich verschiedene Gruppierungen in einem jahrzehntelanger Bürgerkrieg bekämpften, ein Zentrum der Gewalt.

Die heutige Erzählung ist die einer Transformation: Quartiersaufwertung und Infrastruktur gegen Kriminalität. Die neue Metro, modern und zuverlässig, ist die einzige Kolumbiens und der Stolz der Stadt. Das Zentrum ist ruhig und es gibt Viertel wie Poblado, in denen die Touristen selbst während der Nachtstunden in sorglosem Schwips ihrem Telefon hinter laufen können, was für Lateinamerika alles andere als selbstverständlich ist.
Ehemalige „Problemviertel“, wie die Comuna 13, sind heute Vorzeigeattraktionen. Outdoor-Galerien voll farbenfroher Wandbilder. „In Kolumbien ist alles ein bisschen zu süß“, hat Forrest mal gesagt und so schäumen am Sonntagnachmittag die Frapuccinos über, Fett trieft von den Empanadas, das Schoko-Eis tropft und die Teilnehmer der Graffiti-Tours quellen die Rolltreppen des Quartiers empor. Die Szene wirkt sausurreal, aber es ist friedlich. Keine zwei Jahrzehnte nachdem die Comuna mit 3.000 Soldaten gestürmt wurde, um die Guerilla zu vertreiben, können die Jungs aus dem Block jetzt eine Kunstgalerie aufmachen und ihre Bilder verkaufen, um die Geschichte des Viertels erzählen.



Manchmal wirkt die Geschichte ein wenig zu glatt, zu gerade, wie die Utopie eines Planers, der eine Stadt nur mithilfe baulicher Maßnahmen befriedet. Dass sie nicht vorbei ist, zeigen Institutionen wie das Casa de la Memoria, welches als Museum erfreulich offen mit dem Stoff und seiner Rolle als Erzähler umgeht. Die Resonanzen darauf sind nicht nur positiv. Die ersten Taxifahrer winken unwirsch ab und dem, der uns schließlich fährt, wird das Gebäude von seinem Kollegen als der Müllcontainer hinter den Parks beschrieben.
Daneben gibt es die mündliche Überlieferung. Die Leute erzählen ihre Interpretation, berichten davon, dass die Menschen irgendwann einfach genug hatten von der Gewalt oder davon, dass Kartelle gemerkt haben, dass das Geschäft ruhiger läuft, wenn weniger getötet wird.

Die Vergangenheit ragt in die Gegenwart. Auch lange nach seinem Tode verlacht der Patron die Überlebenden noch von einigen T-Shirts in der Fußgängerzone. Polizei, Prostituierte und Drogenhändler patrouillieren auf den öffentlichen Plätzen.
Zwischen scheinbar sinnlosen Betonpfeilern steht einer in der grauen Wüste vor dem Eingang zur Metro. Rhythmisch wippt er vor und zurück, während er Fetzen erfundener Opernarien hervorstößt. Ein alter Mann in Lackschuhen und Anzughose steht an der Ampel auf der Straße. Er hält ein Pappschild, auf dem steht: „Ich bettle nicht, ich stehle nicht, ich versuche nur etwas Geld für meine Familie zu verdienen.“ Er verkauft Bonbons.

Ein Kommentar zu „Medellìn“